Bekenntnisse eines EX-Freundes
Für Kenner, die gerne rechts hinter dem Lenkrad Platz nehmen, brechen wundervolle Zeiten an. Ab 2007 wird eine der Krönungen des Automobilbaus vorzugsweise auf nichtdeutschen Straßen dahinrollen. Wie sehr freue ich mich auf die Reisen in die Schweiz, nach England, an die südfranzösische Küste und nach Kalifornien, wo die hippen rich people und mediterranen Automobil-Liebhaber sich von einem Jahr an ganz selbstverständlich trauen werden, ihr neues Rolls-Royce Cabriolet 100 EX durch Landschaft und Shoppingmeile zu pilotieren. Einhundert Jahre nach dem Zusammentreffen von Charles Rolls und Sir Henry Royce statten wir dem neuen Frischluft-Star der High Society in Goodwood einen Besuch ab.
Die enormen Ausmaße eines Rolls-Royce oder auch eines Maybach lassen sich nur schwer erfassen, befinden sich besagte Exponate eingepfercht zwischen den Absperrungen eines Messestands. Selbst auf einer der mittlerweile etwas inflationären „very special-luxuriös-exklusiven Previews“ – auf denen Fast-Promis und Sternchen in der Regel zuviel Champagner trinken und sich aufs Catering konzentrieren, damit potenzielle Käufer freie Blicke auf das Fahrzeug erhaschen können – können die Stars auf vier Rädern ihre Wirkung nicht wirklich entfalten.
Dementsprechend wirkte der Rolls-Royce 100 EX bei unserer ersten Begegnung im grellen Kunstlicht des überfüllten Messestands in Genf 2004 bei weitem nicht perfekt. Es handelt sich zwar um ein Cabrio, was bei mir schon vorab für eine Menge Sympathiepunkte sorgt; dennoch schien er keine Ausnahme vom genannten Phänomen darzustellen. Ein Phantom als Cabrio? Tatsächlich sind Design und Konstruktionsmaterialien eng an die Tradition des Hauses angelehnt. Aber viele Innovationen stammen aus dem 21. Jahrhundert. Rolls-Royce-Designer Marek Djordjevic drückt es in Goodwood jedenfalls mit den Worten aus: „Der 100 EX ist ein Fahrzeug von heute, das aus der Zukunft kommt.“
Okay – ein 6,75-Liter-V16 mit 64 Ventilen mag bei Normalautosterblichen eher die Vorkriegszeit in Erinnerung rufen, zumindest vor dem Hintergrund heutiger Diskussionen über das Drei-Liter-Auto und diesen immer mehr verbreiteten Hybrid-Karren. Und eine Sechsgang-Automatik, die die schiere Kraft an serienmäßigen 21-Zoll-Rädern der Dimension 285/45 überträgt, ist abgesehen von der Wahl der Pneubreite nun auch nichts Neues. Wie so oft bei Autos dieser Kategorie ist die angenehme und besondere, Prestige ausstrahlende Optik einfach alles. Und obwohl man das Auto auf den ersten Blick als Rolls-Royce identifiziert, ist es so unverschämt sexy wie Bettina Zimmermann, bevor sie etwas mit dem Rotzlöffel-Sohn von Iris Berben anfing.
Heute sind wir an einem hellen, wenig windigen Frühlingstag an der berühmten Rennstrecke von Goodwood, und hier im Freien sieht der 100 EX einfach umwerfend aus. Die kantige und geradlinige Front des Mutterschiffs Phantom wurde beim 100 EX durch einen schnittigeren und dynamischeren Kühlergrill aufgelockert, und aus der Entfernung können die lange Schnauze und die weiche und geschwungene Linienführung des Cabrios ihre Wirkung voll entfalten. Das Ganze ist in einem dezenten Metallic-Farbton namens „Dark Curzon“ gehalten, der je nach Lichtverhältnissen und Blickwinkel in Grau, Blau, Violett und anderen Nuancen schimmert. Der 100 EX wirkt elegant und selbstsicher und tritt ganz wie ein typischer Vertreter dieses traditionsreichen Unternehmens auf.
Viele große Automobile wirken klobig, weil ihre Räder und Reifen im Verhältnis zur Karosse klein sind. Der 100 EX wirkt wohlproportioniert, beim Design der Felgen hätte allerdings mehr rauskommen können. Die maßgefertigten 8,5J und 9,5J x 21-Zoll-Leichtmetallräder mit RFT-Reifen der Serie Goodyear NCT wirken trotz der enormen Abmessungen von 255/50R21 vorne und 285/45R21 hinten wie eine CLK-Gedächtnis-Felge. Die hinten angeschlagenen Türen ermöglichen einen lässig-coolen Einstieg. Dass dieser dabei noch großzügig ausfällt, liegt an der gegenüber herkömmlichen Türen weit nach hinten versetzten B-Säule. Türdesigner des Königreichs, vereinigt Euch; einfach genial das Feature. Marek Djordjevic verrät mir, dass Rolls-Royce beim Phantom aus Gründen der Gewichtsersparnis zahlreiche Komponenten aus Aluminium und Magnesium verwendet. „Die Karosseriewände des 100 EX bestehen aus modernen Verbundstoffen, während die Aluminiumteile hier sogar auf noch innovativere Weise als beim Phantom eingesetzt werden.“ Der nicht gerade kleine, dreieckig geformte Rahmen für die Windschutzscheibe sowie die vordere Querwand wurden aus ein und demselben Aluminiumblock gefertigt.
Von den zweieinhalb Tonnen, die das fertige Fahrzeug auf die Waage bringt, entfallen nur ganze 18 (!) Kilogramm auf den Aufbau. Die 34 Kilogramm leichte Motorhaube wurde aus einem einzigen Aluminiumblock gegossen. Ihre Oberfläche wurde ebenso wie der Frontscheibenrahmen poliert, was dem Fahrzeug seinen speziellen Farbkontrast verleiht. Die Frage, ob die schnittigere Front des 100 EX einen Vorgeschmack auf eine Überarbeitung des Phantom darstelle, verneint Djordjevic: „Der 100 EX ist insgesamt kürzer, besitzt einen verringerten Radstand und ist zudem niedriger als der Phantom, was ihm einen eigenen sportlicheren Charakter verleiht. Die höhere und geradere Grill- und Scheinwerferfront des Phantom wirkt dagegen formeller. Genau darin bestehen die unterschiedlichen Rollen dieser beiden Modelle.“
Der Mann weckt meine Neugier. „Wie haben Sie denn die Proportionen mit der Optik abgestimmt?“, möchte ich von ihm wissen. „Bei vielen viersitzigen Cabrios ist die Windschutzscheibe sehr weit vorne angesetzt, so dass sie wie frontgetrieben wirken. Wir haben darauf geachtet, zentrale Elemente wie Motorhaube, Türen und Heck im Stil der klassischen Rolls-Royce-Modelle aus den 1930er Jahren zu gestalten. Mit langer Schnauze, kurzem Heck, weit nach hinten reichenden Türen und weit vorn platzierten Radkästen. Diese Proportionen unterstreichen in idealer Weise die Tatsache, dass das Fahrzeug mit einem 16-Zylindermotor ausgestattet ist.“
Obschon bereits der von BMW stammende 453 PS starke 6,7-Liter-V12-Motor des Phantom nicht gerade schwächlich ausgelegt war, hat man bei Rolls-Royce beschlossen, beim 100 EX noch einen draufzusetzen und diesem Modell weitere vier Zylinder verpasst. Der Flugzeugbau-Bereich der Marke hatte zwar schon früher verschiedene 16-Zylinder-Motoren hergestellt, aber diesmal wurde der V16 erstmalig von Anfang an für den Einsatz in einem Auto konzipiert. Rolls-Royce äußerte sich früher nie im Detail zu den Leistungswerten dieses V16-Saugmotors mit 6,75 Litern und 64 Ventilen. In der Vergangenheit hieß es immer nur „angemessen“. Und dieses Mal ist die Leistung nun eben „mehr als angemessen“. Meiner Schätzung nach dürften es um die 600 PS sein. Sollte reichen.
Die Motorabdeckung aus einer Metall-Legierung wird sandgestrahlt und mit schwarzem Reißlack überzogen, aus dem sich Lamellen sowie das RR-Logo hervorheben. Die Ansaugrohre sind gegossen und maschinenpoliert, und sie tragen ebenfalls das Markenemblem in erhöhter Form und roter Farbe. Sämtliche Schläuche und Klemmen unter der Motorhaube sind nach Concours-Standards gefertigt und sehen nach Produktionsqualität aus.
Ian Cameron, Chefdesigner von Rolls-Royce, ist in Goodwood ebenfalls mit von der Partie, so dass wir nach den optischen Eindrücken nun zum Wesentlichen kommen: dem Fahren. Der V16 bringt seine Leistung mit zurückhaltender Art und Weise auf die Straße. Obwohl der Motor sich mit der Akustik fast vornehm zurückhält, wie es die Meisten bei einem derartigen Gefährt auch erwarten würden, lässt sein tiefes Brummen dennoch erahnen, welche Kräfte unter der lang gezogenen Haube lauern. Bei so viel Power muss ein ruhiges Fahrverhalten praktisch selbstverständlich sein. „Der Motor läuft so ruhig und ausgewogen, dass man im Leerlauf eine Münze auf die Motorhaube stellen kann, ohne dass diese herunterfällt“, erklärt Cameron. Testen will ich den Münz-Clou persönlich lieber nicht, da der Wert dieses Vorserienmodells bei circa drei Millionen Euro liegt. Daher dürfen bei diesem Auto auch nur Auserwählte ans Steuer.
Der 100 EX verfügt über eine Reihe von einfachen Elementen, die ihm seinen besonderen Style verleihen. Die Begegnung in Goodwood macht mir deutlich, dass dieses Design im Grunde sehr simpel ist und eher durch Maße und Linien als durch Details beeindruckt. Besonders fällt mir dabei seine über die Hinterräder hinweg dynamisch ansteigende Gürtellinie ins Auge, ebenso wie die elegante Verjüngung in der Karosserie, welche die Türenkanten widerspiegelt und sich bis hin zum Heck mit den integrierten Stoßfängern in Fahrzeugfarbe fortsetzt ¬– wäre mir auf den viel gerühmten Messeständen im Kunstlicht nie aufgefallen. Die aus poliertem Aluminium gefertigte schmale Einfassung des Fahrgastraums, die verchromten Türgriffe sowie die zierlichen Rücklichter bilden aristokratische Details. Das Interieur ist natürlich ebenso nobel gehalten, und es wirkt weniger formell als beim Phantom; gerade im Armaturenbereich wie eine Anlehnung an die „richtig alten“ Modelle. Die wie Sessel wirkenden Vordersitze sind mit Leder im Farbton „Dark Curzon“ überzogen, wozu das Leder der Armlehnen mit seinem Braunton einen diskussionswürdigen Kontrast bildet. Im Fond bietet die gekrümmt geformte Sitzbank Komfort für zwei Erwachsene.
Holz ist Trumpf.
Im Prospekt zu diesem Modell ist von nautischen Anklängen die Rede, dank derer das Fahrzeug an eine schnelle Motoryacht erinnern soll. So sind die Armaturentafel und die Türverkleidungen aus poliertem, gemustertem Mahagoniholz gefertigt, während der Innenraumboden, die Türoberkanten, die Heckeinfassung sowie der Kofferraumboden mit gebleichtem Teakholz verkleidet sind. Dabei gibt es ein Detail zu entdecken, das man erst auf den zweiten Blick wahrnimmt: Natürlich sieht man sofort, dass die Holzmaserung sehr erlesen ist, doch war ihre Verarbeitung in Wirklichkeit noch weit aufwändiger. Marek Djordjevic berichtet, dass der für die Restaurierung antiker Möbel bekannte deutsche Handwerksmeister Wolfram Kittel die Holzmaserung von Hand auf Aluminium oder Kunstharz gemalt hat.
Passend dazu verleihen verwobene Drahtfasern dem Faltdach-Kunstwerk Festigkeit und Glanz, wobei das Ganze innen mit Kaschmirwolle bezogen ist und komplett in einem Kasten unterhalb der Heckoberseite verschwindet. Das Fahrzeug ist übrigens lang genug, um auch noch Platz für einen großzügig bemessenen Kofferraum übrig zu haben – wichtig beim Extrem-Shopping oder für automobile Freizeittrips zum Drittdomizil. 370 Liter sind im Vergleich zu den 500 Litern im Phantom-Kofferraum für ein Cabrio nicht spärlich und mehr, als ich erwartet hätte. Die Heckklappe ist unterteilt, wodurch eine „Picknick-Klappe“ für die Rast optional verfügbar ist. Dabei lässt sich der kleinere senkrechte Teil des Kofferraumdeckels herunterklappen, so dass man kleinere Gegenstände herausnehmen kann. Wenn beide Teile geöffnet sind, kann der kürzere waagerechte Abschnitt ein Gewicht von bis zu 80 Kilogramm tragen. Genügend Stabilität für ein paar Flaschen Veuve Clicquot, um die drei Mitfahrer(innen) standesgemäß zu versorgen.
Vorbestellungen existieren weltweit – wobei sogar zwei Hand voll „will ich haben“-Vertreter aus dem deutschsprachigen Raum ihre Signatur unter ein Formular der ausgewählten Rolls-Royce-Verkaufsberater gesetzt haben. Goodwood ist wie immer eine Reise wert. Das klitzekleine Manko an dem uns gezeigten Auto sind also die Räder, für die sich der Hersteller etwas einfallen lassen sollte. Ansonsten, wie innerlich erhofft, eine weitere Krönung des Automobilbaus aus dem Hause Rolls-Royce, die vollends überzeugt und fasziniert, sobald sie in freier Wildbahn erlebbar wird.
Vorausgesetzt, man befindet sich im Besitz einer nachgeschalteten licence to drive, erscheint das zitierte Hauptaugenmerk aufs Messe-Catering vielleicht doch legitim.














